zurück nach Cherai, Kerala 

Nach über einer Woche Bangalore-Wahnsinn nun endlich wieder zurück an der Küste, genauer gesagt am Kuzhupilly Beach, mit den sich dahinter befindlichen Seen. Es waren fast 11 Std. mit dem Nachtzug und ich bin ganz schön ko, das Küstenörtchen ist eine willkommene Entschädigung. Hier, kurz vor Cherai ist die Welt noch in Ordnung (für indische Verhältnisse). Die Kinder grüßen einen und bitten um Mitbringsel aus der Heimat, fragen woher man sei, usw. Werde eine Nacht in der Chameleon Beach Lodge (eine echte Oase!) ausruhen und anschließend mein dort zwischen geparktes Rad für die morgige Tour nach Fort Cochin fit machen. Die salzhaltige Luft nagt bereits an der Kette, den Scheibenbremsen, etc. und der einsetzende Monsoon gibt meinem Steppi den Rest…

neuer Tag, altes Chaos

Diese Stadt ist ein Irrenhaus… heute wären mir beinahe Bauarbeiter mit Fasaden Abdeckungen gegen den Kopf gelaufen. In letzter Sekunde hab ich meinen Blick vom Boden nach vorne gerichtet und bin ausgewichen… Ständig ist man in dieser Stadt damit beschäftigt nach „Tretmienen“, Löchern, schlafenden, oder Toten Tieren Ausschau zu halten. Es ist kaum zu fassen, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Wem die Heimat zu spießig, versnobt, langweilig, etc. erscheint, dem empfehle ich einen Besuch in einer dieser „boomenden Metropolen“ Indiens. Wer dann noch nicht kuriert ist, dem ist mehr zu helfen. Man braucht schon einen triftigen Grund sich hier ohne klimatisiertem Auto durchs Menschenmeer zu winden. Dank der IT-Industrie sagt man, kommt es auch immer wieder zu Stromausfällen. Ein Hoch auf den unnachhaltigen Wachstum! Die Stadt platzt aus allen Nähten, in 20 Jahren ist die Bevölkerung auf ein über 20 faches gewachsen!! Während an einem Ende noch gebaut wird, verfällt am anderen bereits das eben erst fertig gestellte…

überleben im Großstadt Dschungel 

Auf der Suche nach einem funktionsfähigem Bankautomaten bin ich heute Stunden durch die Stadt geirrt. Wenn ihr mich also fragt was ich mit all meiner „Freizeit“ so anstelle, jetzt wisst ihrs. Oft ist es ein Kampf hierzulande die kleinsten, aber eben wichtigsten Dinge erledigt zu bekommen. Unvorstellbar, wenn mans nicht selbst erlebt hat. Mitte Mai hatte ich mir z.B. eine SIM-Karte zugelegt, ganze sechs Tage hats gedauert bis sie einsatzfähig war! Drei Passfotos, eine Ausweiskopie (Unterschrift auf beidem!) und etliche Telefonate mit dem Support waren nötig um das zu aktivieren. Für ungeduldige ist dieses Land jedenfalls nichts und auch mir fällt es oft schwer bei all der Gleichgültigkeit und Inkompetenz der Leute (bis auf einige wenige Ausnahmen, meistens auf Provision angestellte, oder tatsächlich einfach nur freundlich gesinnte Mitmenschen) nicht die Fassung zu verlieren. Nerven aus Stahl, eine gute Atemmaske, Ohrstöpsel und GPS sind angesagt, sonst dreht man durch… Ohmmmm!

Zahnarzt Besuch

Neues Land, neuer Dübel – Auf Empfehlung einer indisch stämmigen Nord Amerikanerin hab ich mir heute ein Implantat setzen lassen. Zwar war mir schon etwas mulmig zu Mute es tatsächlich HIER machen zu lassen, aber zum Glück war der Arzt sehr ruiniert und keine 15 min später war die OP auch schon rum. Zur Abwechslung mal ein angenehmes Erlebnis, wer sagts denn. Ich will zwar nicht zum Zahntourismus animieren – denn wenn was schief geht, oder nachträglich ausgebessert werden muss, ist in der Heimat nicht jeder Arzt bereit einen Fremdimplantat zu versorgen. Aber die Alternative war genauso wenig akzeptabel: noch diesen Monat heim fliegen und es dort erledigen lassen. Wenn Zahnlücken nicht innerhalb weniger Monate geschlossen werden, kann das Gebiss anfangen sich sich zu verschieben und das steht aktuell sicher nicht auf dem Programm. Jetzt ist erst mal ein paar Tage Pillen schlucken angesagt… Prost!

alltägliches

auf der Suche nach einem Postamt bin ich heute auf etwas gestoßen das zumindest von außen so aussah als könnte es eines sein. Drinnen war es das übliche Gedränge, nicht mal vergleichbar mit dem Postamt bei uns am Hauptbahnhof, denn dort stellt man sich ja wenigstens noch an. Beim Kauf der Briefmarken wurde ich dann in eine Ecke verwiesen, in welcher die Marken zu bekleben wären. Komisch dachte ich mir, aber ok. Abgeschleckt hätte ich die Dinger eh micht, also rüber zum Kleber. Dort erwartete mich eine weiß-grün schimmlige Masse in der sich ein paar Ameisen verloren hatten. Dazu ein metallenes Stäbchen zum Verschmieren des Klebers… Mahlzeit!0015_Bangalore_altägliches.jpg

Kochi, Kerala 

der Zug aus Kumta kam wie nicht anders erwartet, Stunden zu spät. Es war ein Kampf an der Station überhaupt Tickets für unsere Räder zu bekommen, denn in diesem Nest wird der Gepäck Wagen normalerweise nicht aufgesperrt, man könnte ja den Zugfahrplan durcheinander bringen. Ach ja. Außerdem weiß man nicht ob noch Platz für unsere Räder ist und überhaupt sollen wir später wieder kommen. Nach gefühlten 8-10 weiteren Besuchen beim Stations Manager war er immerhin bereit im Abfahrtsbahnhof anzurufen und sich dort zu erkundigen ob noch Platz ist, dann würde uns jemand den Wagon aufsperren. Nach weiterem hin und her erreichte uns die Bestätigung aus dem Abfahrtbahnhof, der Gepäckwagen wäre bereits voll. Wir ließen uns trotzdem nicht ab wimmeln und nervten das Personal so lange, bis uns jemand bestätigte dass wir auch im Personen Wagon einsteigen könnten. Natürlich würden wir das auf eigene Gefahr tun und die Information käme ganz sicher nicht vom Bahnhof. Evtl. wäre auch noch eine extra Gebühr zu bezahlen. Warum nicht gleich so, wenn schon gleichgültig, dann bitte konsequent! Wir waren erleichtert und lernten von nun an auf die „indische Art“ zu reisen. Mit den Rädern im Personenabteil, bzw. wo auch immer wir Platz fanden 😉

Kumta, Karnataka 

Um nicht in Gorkarna zu versumpfen, beschlossen weiter gen Süden zu reisen – schließlich gab es noch einiges zu sehen und in zwei Wochen mussen wir in Bangalore sein um meine Velovagabundin am Flughafen in die alte Heimat zu verabschieden. Auch der Monsoon hat sich bereits mehrmals mit heftigen Gewittern angekündigt, es gilt also keine Zeit zu verlieren. Uns schweren Herzens von Ratan, Rasheed und Co. verabschiedet und zur Fähre Richtung Kumta geradelt. Dort angekommen wussten wir erst mal nicht wohin, auch die Anweisungen der Einheimischen das letzte Boot zu nehmen waren nicht sonderlich hilfreich. Am Hafen standen schließlich nur Fischerboote, der Geruch war entsprechend intensiv. Noch dazu wurde vor unseren Augen der Fang sortiert, in Kühltaschen gepackt und von ausgemagerten Räubern zu Land wie zu Luft beäugt. Als endlich klar war wo übergesetzt wird, war auch schon unsere „Fähre“ zur Stelle…

Das Örtchen Kumta gab nicht viel her, kaum jemand wird sich je hierher verirren, wenn nicht gerade geplant ist per Nussschale der Landweg zur nächsten Zughaltestelle abzukürzen. Auf der Suche nach einem Gästehaus landeten wir schließlich wieder in einer Ayurveda Klinik, mit der Hoffnung dort bis morgen ein Bettchen zu ergattern. Vergebens. Wenigstens verwies man uns an eine Privat Person, welche Zimmer in ihrem Haus zu vermieten hatte. Eine unglaubliche Begegnung, die mich tatsächlich zum Kochen brachte. In dieses Gästehaus möchte man nicht mal seine schlimmsten Feinde hin schicken…

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Zwecks Ausweiskopien für unseren freundlichen Gastgeber nun extra einige km weiter den nächsten Copy-shop aufgesucht und dort den Inhaber damit beauftragt. Da alle Kopien abgeschnitten raus kamen und auch sein nächster Versuch scheiterte, beschloss ich die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Nach erfolgreichem Abschluss präsentierte er mir nun die Rechnung, incl. seiner erfolglosen Fehlversuche. Der Betrag war zwar lächerlich und nicht weiter erwähnenswert, aber alleine die Tatsache für die Unfähigkeit eines anderen bezahlen zu müssen… nein,  dieses Land… wem hier nicht die Zündschnur abbrennt, der ist entweder einheimisch und kennt es nicht anders (darum vielleicht auch die permanente Gleichgültigkeit die einem hier begegnet), oder er ist völlig tiefen entspannt und zeitlos, also ein Yogi. Kurz vor Sonnenuntergang hatten wir es zum Glück doch noch zurück zu unserem freundlichen Gastgeber geschafft, ihm die Ausweiskopien ausgehändigt, uns registriert (doppelt), das Zimmer nun endlich beziehen dürfen und auf den letzten Drücker noch einen Sprung ins Meer geschafft… ufff. Wenigstens mussten wir nicht auf der Straße übernachten. Am nächsten Tag waren wir jedenfalls bereits um 7 Uhr Morgens wieder auf der Piste, nichts wie weg hier…

Gokarna, Karnataka

Am späten Nachmittag an der ca. 10 km vom Ort entfernt gelegenen Zug Station angekommen und das letzte Stück nach Gokarna auf einer Landstraße zurück gelegt. Unser Weg durch diverse kleinere Dörfer war wie üblich ein Erlebnis, den Menschen war ihr Erstaunen anzusehen: Weiße… komisch bepackte Räder… heiß… die spinnen…  wahrscheinlich hatten die meisten noch nie Ausländer gesehen…

Am Zielort angekommen mussten wir den letzten steilen Hügel zu unserer Herberge  hoch schieben, wieder ein mal mit letzter Kraft. Zu unserer Überraschung kamen uns ein paar Einheimische die in die selbe Richtung unterwegs waren zu Hilfe und unterstützten beim Schieben. So viel Hilfsbereitschaft war uns seither noch nicht begegnet, umso mehr überrascht waren wir über dieser Erlebnis. Oben angekommen hatte sich der mühsame Aufstieg gelohnt, die Aussicht von unserer ersten Herberge, dem Zostel, war der Hit!

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Wegen erneuter Beschwerden mit meinem ehemals gebrochenem Fuß (diesmal ein geschwollener Knöchel) waren wir heute den ganzen Tag über auf der Suche nach einem Masseur. Inzwischen hatten wir die Gegend rund um das mittelalterlich wirkende Gokarna, incl. der Strände abgeklappert, jedoch ohne Erfolg. Da Nebensaison war hatte bereits alles was Richtung Massage aussah geschlossen. Etwas entmutigt brachen wir abends wieder Richtung Herberge auf, stießen dabei aber auf ein interessantes Schild am Straßenrand: Holistic Healing Culture Center. Bei einem Blick über die Eingangsschranke wurden wir aufs Grundstück gewunken und zu einem Chai Tee eingeladen. Am nächsten Tag kamen wir samt Gepäck zurück und blieben ganze acht Tage! Wir lernten Reflexzonen Massage an Fuß, Kopf und Rücken, durften unter Anleitung zuerst gegenseitig an uns selbst üben, dann auch an anderen Patienten. Was für eine Erfahrung! Mein Lymphsystem war inzwischen wieder in Schwung geraten und die Schwellung damit beseitigt. Tatsächlich wollte ich schon immer mal massieren lernen, wer hätte gedacht dass es so passiert…

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unten, v.l.: Dr. Rathan, Rasheed (aka Prince of Andaman Island), meinereiner, meine bessere Hälfte. Hinten: Rasheeds Sohn Rayhaan und seine Schwester

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Gokarna Lagoon, hinter dem Strand nach einem Weg zurück zur Straße gesucht…

von Palolem nach Gokarna

Wir verlassen das europäisch geprägte Goa und beschließen die nächste Etappe mit dem Zug zurück zulegen. Palolem war ein Traum (von der ersten Nacht in einen verwanzten Standhütte mal abgesehen…), aber unsere Reise geht weiter Richtung Süden, in das nächste Bundesland Karnataka. Der Bahnhof befindet sich etwas außerhalb von Palolem und der Zug kommt gut 90 min zu spät aus dem benachbarten Margao an, welches ganze 36 km entfernt liegt. Das ist beachtlich und topt sogar rumänische Zustände! Wir lernen: vor einer Zugfahrt unbedingt Proviant mitnehmen, oder vorher ausgiebig speisen!

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