Pune

knapp 5 Zug Stunden östlich von Mumbai, dem Slumdog Milionär Moloch, fährt man wie durch eine andere Welt mit atemberaubender Aussicht auf riesige Wasserfälle und jeder Menge Natur, weit und breit keine Nebenprodukte der Zivilisation (falls man die hiesige wirklich so nennen mag…) zu sehen. Die Umgebung rund um Pune könnte einen fast glauben lassen man befände sich in einem anderen Land, bis einen die Realität kurz vor dem Zielbahnhof wieder einholt. Dort gehts über eine Zugbrücke, unter der ein Fluss (oder ein Abwasserkanal?) mit Schaum und anderen Abfällen hindurch fließt, mitten durch die Stadt. Warum sich also Illusionen machen, es war ein angenehmes Erlebnis, ein Hauch von übrig gebliebener Umwelt, die der Mensch (noch) nicht zerstört hat. Ich versuche mir wieder einzureden das es auch anders sein könnte, wenn Korruption nicht so sehr in der Gesellschaft verwurzelt wäre. Kaum ein Inder wird das bestreiten, auch wenn es nur ein schwacher Trost ist. Beim Anblick der übrig gebliebenen Natur und dem gleichgültigen Verhalten der Mitmenschen frage ich mich oft wie viele der im Ozean schwimmenden Plastikstrudel wohl aufs Konto dieses einen Landes gehen… Ich bin hier zwar nur auf einen Zwischenstopp zur Fahrradreparatur vorbei gekommen, aber solche und ähnliche Fragen beschäftigen mich immer wieder. Es ist kaum zu fassen mit welcher Natürlichkeit hier verpestet und verschmutzt wird, aber wenn man bedenkt dass jeder 6. Mensch auf dem Planeten Inder ist, es an Infrastruktur nur so mangelt, unzählige Menschen keinen Zugang zu Bildung, sauberem Trinkwasser, geschweige denn Toiletten haben, die Geburt eines Mädchens als Enttäuschung angesehen wird, das Kastendenken immer noch weit verbreitet ist und Familien mit zig Kindern normal zu sein scheinen, dann wird einem klar, dass man hier nicht mit europäischen Maßstäben messen kann, bzw. über die hiesigen Zustände überhaupt urteilen darf…

Zurück zum Bahnhof. Der Weg ins Panda Backpacker Hostel ist in Reichweite gewählt, nur wenige km von der Station aus, trotzdem des üblichen Höllenritt durch den undurchdringlichen Verkehr. Die Luft ist, wie sollte es auch anders sein, zum Schneiden. Ich hatte wohl das Glück in die Rush-hour zu geraten. Das Hostel liegt überraschender Weise in einer sehr schönen Gegend, dem sog. Koregaon Park, in der wie ich später erfahre, auch Osho in den 80ern seinen Ashram gründete (ja, der Bahgwan-Guru mit seinen unszähligen Rolls-Royces). Wegen des damals hohen und auch heute noch andauernden Andrangs an Sannyasins (in Entsagung lebender Antimaterialisten, größtenteils westlicher Herkunft), hat sich in Pune eine Art Zweitgesellschaft gebildet und auch viele wohlhabende Inder und internationale Firmen angezogen. Der Zusammenhang leuchtet mir zwar nicht ganz ein, aber möglicher Weise haben die damaligen Immigranten den Ort entweder nicht vollkommen vermüllt, oder durch andere Qualitäten für internationalen Andrang gesorgt. Ob das wirklich so war ist natürlich nur eine Vermutung, aber wenn man sich das europäisch geprägte Goa ansieht, vielleicht gar nicht so weit her geholt. Laut den Einheimischen hat jedenfalls Osho mit seinen damals liberalen Ansichten wesentlich zur Attraktion der Stadt beigetragen. Heute stehen rund um den Koreagon Park Hütten wie man sie nicht mal am Alpenrand, oder in einer Nobelgegend vermuten würde. Auf Entdeckungstour durch die Nachbarschaft staune ich beim Anblick der Paläste und zücke meine Kamera, sofort ist Sicherheitspersonal zur Stelle um mich davon abzuhalten zu knipsen. Ein Blick auf google maps ergibt leider nur einen leeren Fleck an der genannten Stelle, da hat jemand Energie aufgewendet nicht aufzufallen. Es heißt in diesem Bezirk würden die reichsten Menschen des Landes wohnen und selbst The Donald hätte hier schon mehrmals aus Investitionsgründen vorbei geschaut…

Nach mehrtägiger Reparatur ist nun jedenfalls auch mein Rad wieder startklar, die Reisekasse um ein weiteres Loch gewachsen und ich selbst um einige Bekanntschaften reicher. Die Gäste des Panda Backpacker Pune haben sich als interessante Mischung aus Mumbai-Wochendflüchtlingen, Tech-startups auf Präsentationsreise, Freelancern, die den internationalen Kontakt suchen und Europäern auf Geschäfts- oder Weltreise erwiesen. Der Abschied fällt schwer, denn selten habe ich in so kurzer Zeit so viele gute Bekanntschaften geschlossen wie hier, das muss wohl an den Osho-vibes zwei Straßen weiter liegen 😉

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Steppi auf Narkose, kurz vor der großen OP

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Rund um den Koregaon Park hängen Lianen artigen Äste von den Bäumen, man kommt sich buchstäblich vor wie im Großstadt-Dschungel

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so gehört sichs: make love not war!  😉

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sogar die Raben fallen hier von den Bäumen… an der Hauptstraße scheint die Luft noch schlechter zu sein als erwartet.

Veröffentlicht von

VeloVagabund

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