Srinagar, Kashmir 

Wegen des anhaltenden Monsoons im Tiefland sowie am Fuße des Himalaya, gleichen Straßen vielerorts Sturzbächen, so beschließe ich diese Etappe per Flugzeug zurück zu legen. Von Delhi aus sind es etwa 600 km, oder mit Air India etwas über eine Stunde. Das Rad habe ich bei einem Fahrradhändler (incl. Gepäckträger Taschen) professionell verpacken lassen und checke es ohne Aufschlag als reguläres Gepäck ein. Ich selbst nehme in einem Rucksack nur das allernötigste mit, alles andere vertraue ich bis zu meiner Rückkehr dem Hostel an – ebenso meinen Geldbeutel, welchen ich vor Müdigkeit früh morgens vergessen habe eunzustecken… das Taxi bestelle ich per Uber, so fällt mir mein Missgeschick erst beim Check-in am Flughafen auf. Wenigstens habe ich meinen Reisepass als auch meine aktuell nicht funktionsfähigen Bankkarten stecken, so komme ich meinen Ziel zwar näher, sitze anschließend aber immer noch auf dem Trockenen. In meinem Hemd finde ich 250 Rupien, die bringen mich nicht mehr weit. Ich bitte den Sicherheitsdienst mich aus dem Flughafen raus zu lassen um mir ein Taxi zurück zum hostel zu bestellen, es sind ja noch zwei Stunden bis zum boarding und nur ganze 20 Minuten über den Highway zur ehem. Herberge. Vergebens. Ein mal eingecheckt führt kein Weg mehr aus Delhis Indra Gandhi Flughafen raus. Die Sicherheitsvorkehrungen werden hier tatsächlich ernst genommen, ich bin erstaunt. Wenigstens funktioniert mein Handy noch, also rufe ich im bereits reservieren Gästehaus in Srinagar an und bitte mir eine post-paid Taxi zwecks Flughafen Transfer zu organisieren. Glück gehabt, Abholung als auch Frühstück uns Abendessen sind im Preis inbegriffen, fürs Mittagessen lasse ich mir was einfallen. Nach meiner Ankunft baue ich etst mal mein Steppi zusammen und fahre zum Markt, auf der Suche nach etwas günstigem zu Essen. Ein Einheimischer quatscht mich an und löchert mich mit Fragen, ich bin misstrauisch, bis er mich zum Tee einlädt (bei Naturalien werde ich noch immer schwach…). Dann erzählt er mir von seinem Hausboot und der miserablen Lage in Kashmir. Wegen der negativen Berichterstattung in den Medien lässt sich kaum mehr jemand auswärtiges blicken. Die Realität sieht anders aus, das war bereits vor Jahren bei meinen ersten Besuch hier so und hat sich scheinbar nicht geändert. Die einzigen zwielichtigen Personen befinden sich nach wie vor am Hauptboulevard und versuchen einen zu überteuerten Preisen auf eine Bootstour zu locken, „Shikara, Shikara Shikaraaa“ rufen sie einem unermüdlich hinterher. Es ist Hochsaison und rund um den Dal Lake, der Hauptattraktion Srinagars, warten Straßenhändler auf Kundschaft. Ich begleite meine neue Bekanntschaft auf sein Hausboot und lerne seine Familie kennen. Man lebt hier in ärmlichen Verhältnisen, ist aber trotzdem sehr gastfreundlich und spricht viel von Allah. Aus den Lautsprechern der naheliegenden Moschee tönt es zum Gebet, man hört es im ganzen Taal, sogar in stereo von mehreren Seiten gleichzeitig. Fünf Mal am Tag. Gulzar, mein Gastgeber, bietet mir vom Tee abgesehen diverse Ausflüge an, versteht aber auch dass ich aktuell selbst keine Mittel habe und in der Klemme stecke. Er ist bereit  mich so lange wie nötig mit Mittagessen zu versorgen, dafür ziehe ich so bald wieder flüssig auf sein Hausboot um und bezahle für Kost und Logie. Deal. Es ist endlich wieder Monatsanfang und ich schaffe es mein Konto aufzuladen, ich bin erleichtert. EC-Karten werden in Kashmirs Bankomaten nicht akzeptiert und übers Wochenende eine Überweisung zu starten dauert seine Zeit – falls das Netz nicht mal wieder offline ist (als Vergeltung von der Zentralregierung in Delhi, wie ich später erfahre) oder es einen der üblichen Stromausfälle gibt…

man hat sich beim Verpacken tatsächlich Mühe gegeben, es kam alles heil an. Vielen Dank an Giant Starkenn New Delhi

Josh, mein Neuseeländischer Zimmergenosse findet meinen Geldbeutel und gibt ihn an der Rezeption ab 

mit Gulzar in einem Sumo (Sammektaxi) auf den Weg zu seiner Familie in Srinagars Vorort Shalimar

In einem typischen Kashmiri Haus sitzt man auf dem Boden, wo man auch speist und raucht. Die schwarze Flagge sowie das Sturmgewehr hab ich fürs Foto mal bei Seite geräumt, nicht das es noch zu Verwechslungen kommt… 

Der Sommer in Kashmir ist heiß, Esinheimische suchen Erfrischung im Gletscherfluss. 

Jaipur „die pinke Stadt“

Wie ihr schon seht dreht sich in Rajasthan vieles um Farben, ob das die bunten Saris der Frauen sind, die unzähligen Gewürze, oder die Bemalung der Innenstadt-Häuser, die Farbenpracht ist überall präsent. Ich könnte inzwischen sogar Ziegen- von Kuhdung an Hand der braun-schwarz-Nuancen unterscheiden glaube ich, so viel von dem Zeug ist mir schon untergekommen. Davon abgesehen ist es in der Hauptstadt Rajasthans ebenso kuschlig warm wie schon in Jodhpur, daran haben auch die 6 Std Zugfahrt gen Norden nicht viel Geändert, noch immer macht sich das Klima der Thar-Wüste bemerkbar.  Obwohl es in Jaipur Pferde gibt, welche zum Transport von Waren vor den Karren gespannt werden, sind Kamele noch immer sehr verbreitet. Ebenso sieht man hier und da Elefanten, vor allem werden sie aber gehalten um damit Touristen zur ca 15 km vor der Stad gelegenen Festung zu karren. Dem Anblick nach haben weder Mensch noch Tier Gefallen an dem holprigen Ritt, aber wenigstens hat man ein Fotomotiv mehr und daheim was zu präsentieren. Ich ziehe es vor mich aus eigener Kraft zum Fort zu bewegen, durch das Gewusel am Basar vorbei am

wp-image--2107460836Wahrzeichen Jaipurs, dem Hawa Mahal (Palast der Winde), welchen Maharaja Sawaj Pratap Sigh 1799 für seine Hofdamen erbauen ließ. Es war ihnen nicht erlaubt sich unter den Pöbel zu mischen, dank der raffinierten Architektur konnten sie aber das Geschehen auf der Straße beobachten ohne gesehen zu werden. Ebenso ermöglicht die luftige Konstruktion ausreichend Kühlung hinter der Fassade, damit die Zofen keine Hitze leiden müssen. Die obligatorische Kuh, welche sich mittags zur Kühlung auf der Straße in den Schatten legt, darf auf so einem Foto natürlich nicht fehlen. Weiter führt mich der Ausflug vorbei am

wp-image--1491813521Jai Mahal Palast, welcher vor gut 250 Jahren in Mitten des Man Sagar Sees errichtet wurde. Sichtbar ist allerdings nur das oberste Stockwerk, die 4 (!) darunter befindlichen (Verließe?) werden wohl nur Gästen des heute zum Luxushotel umfunktionierten Gebäudes offenbart. Falls es euch bei dem Anblick des Sees ebenso geht wie mir und ihr euch fragt wo denn all der Müll ist, tja, der See ist tatsächlich (relativ) sauber! Er wurde nämlich um 2000 während eines der teuersten Projekte Indiens komplett entseucht und gehört heute zur Taj-Gruppe. Man kann also doch, wenn man nur will… Weiter gehts zur

wp-image--633687138Village Textile Corporation, wo ich 2011 zum erstem mal von einem Auto-Riksha zum „sightseeing“ hin verschleppt wurde. Zum meinem eigenen Erstaunen war ich in der Lage den Ort wieder zu finden, wo ich nach harter Feilscherei für maßgeschneiderte Textilien von versammelter Verkaufsmannschaft zum selbst zubereitetem Mittagessen eingeladen wurde 😉 Nach einem kurzen Chai-Tee und einer nicht ganz so kurzen Verabschiedung geht die Reise weiter zum eigentlichen Tagesziel, dem

wp-image--2500174541592 erbautem Amber Fort, welches wie es Forts üblicherweise tun, imposant auf einem hohen Berghügel liegen. Dank meiner vormittäglichen Trödelei erreiche ich es erst gegen 13 Uhr und bin von der Menge an lokalen, als auch internationalen Touristen erst mal verschreckt . Von innen kenne ich es ja bereits, also beschließe ich gegenüber die Burgmauer auf auf den Hügel zu klettern und erreiche zur heißesten Tageszeit einen Wahnsinns Aussichtspunkt.

wp-image-1988344435Hier oben scheint die Zeit still zu stehen. Ich setze ich mich an einen Schatten spendenden Aussichtspunkt und genieße sprachlos die Aussicht und die frische Briese.

Am nächsten Tag fahre ich ans andere Ende der Stadt zum

wp-image-1711009138 „Galtaji“, dem Affentempel, wo mir 50 Rupien Eintritt als sog. Spende für den Erhalt der Anlage abgeknöpft werden. Weitere 50 wären für die Kamera bezahlen. Ich weigere mich und verweise den Templer darauf dass ich keine Fotos schießen werde. Die Spende, unterstelle ich mal, wandert eh nicht dort hin wo sie eigentlich sollte, denn für den Erhalt der Anlage wird hier offensichtlich nicht viel getan, das ist schon aus der Ferne zu sehen. Inzwischen weiß ich außerdem wie die Leute in diesem Land ticken und so wundert es mich auch nicht weiter dass der Tempelmann einen streunenden Hund tritt, während er mir im selben Atemzug von diesem heiligen Ort erzählt. Das Kali Yuga tobt in vollen Zügen und in Indien ganz besonders… Immer wieder staune ich über die Schlitzohrigkeit der Einheimischen, als auch den Mangel an Mitgefühl für Mitmenschen als auch Tiere (sofern es kein Kühe sind).

wp-image--467957331 Nach einem kurzen Spießrutenlauf durch verrottete Bananenschalen, Kuh- und Affenkot, als auch vorbei an einem vollgemülltem Brunnen und einem Seitentempel an dem mir versucht wird für ein Armbändchen eine weitere „Spende“ abzuköpfen, verlasse ich die Anlage auf der gegenüberliegenden Seite. Dort begegnet mir ein „heiliger Mann“, wie er von sich selbst behauptet. Ich frage ihn ob ich ein Foto von seiner Heiligkeit schießen dürfte, er willigt ein. Anschließend fordert er Geld von mir, denn auch ein heiliger müsse ja essen. Ich sattle auf und mache mich vom Dung…

wp-image--149848960Am nächsten Aussichtspunkt sehe ich einen Inder (fast hätte ich schon Menschen gesagt…) 😉 auf einer Mauer sitzend. Er spricht mich auf höchstwahrscheinlich Hindi an, ich habe keine Ahnung was er will und antworte“english only“. Dann sehe ich zu dem Affen rüber, sehe zu ihm zurück und fahre nach kurzem Grübeln weiter…

wp-image--115790891noch mal ein letzter Ausblick auf die Stadt und zurück geht’s ins Getümmel…

wp-image-1412829127Eine weiter Tag, ein weiterer Palast – diesmal allerdings nur vermeintlich. Es ist das Albert Hall Museum, das wie es heißt von außen mehr hergibt als von innen. Auf einen Beweis kann ich verzichten ziehe weiter zum

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„Birla Mandir Temple“, welcher Gott Vishnu und seiner Gemahlin geweiht ist. Die Innenverzierungen sind beeindruckend, kein Wunder das der Bau 8 Jahre gedauert hat. Ich setze mich ein Weilchen hinein und genieße die nur von Ventilatoren unterbrochene Stille. Insgesamt bleibe ich eine Woche in Jaipur und beschließe nach jeder Menge Besichtigungen weiter zu reisen, nach Delhi.

Jodhpur, die „blaue Stadt“

Jodhpur, Rajasthan. Das Klima hier ist dank der angrenzenden Thar-Wüste extrem trocken und heiss, weswegen der Ort auch den Spitznamen „Sonnen-Stadt“ trägt. DIe Bevölkerung ist bitter arm und lebt hauptsächlich vom Tourismus. Ackerbau und Viehzucht ist wegen des Wassermangels kaum möglich und die Bildung hier ist katastrophal. Wer etwas aus seinem Leben machen möchte muss weit fahren, bzw. überhaupt das Glück haben nicht als Kind bereits arbeiten zu müssen. So viele Bettler und arme Menschen sind mir bisher noch nirgends begegnet. Die Kinder sind freundlich und bitten einen wie üblich um Mitbringsel (Geld im Speziellen…), alle sehen mich auf meinem Rad an wie Mork vom Ork. Ständig werde ich angeschnorrt, teilweise auf übelst penetrante Art. „Money-money-money!“ Oft lasse ich das Rad angekettet neben meiner Herberge stehen, zu Fuß falle ich zwar ebenso auf, aber durch meine inzwischen etwas verwilderte Optik werde ich nicht ganz so oft belästigt. Jaipur besteht aus unzähligen unüberschaubaren miteinander verflochtenen Gassen die wie einem wie ein Labyrinth vorkommen. In dieser Stadt ist man selbst mit online maps verloren, denn bis auf die großen Straßen ist hier nichts verzeichnet. Nicht selten stromere ich Stunden durch die Gassen, als einzigen Orientierungspunkt das Fort an meiner Seite. Kaum jemand spricht englisch und wenn ich durch Zufall auf ein Gästehaus stoße, frage ich gleich nach der hier üblichen Dachterasse um mich zu erfrischen und neu zu lokalisieren. Es ist unglaublich in welchem Dreck die Menschen hier leben. In den Gassen läuft das Abwasser rechts und links in kleinen Rinnen ab, dazwischen immer wieder Plastik fressende Kühe, jede Menge Fliegen, Kot und Hausmüll. Das ständige gehupe der Motorradfahrer sowie die vielen beinahe-Kollisionen mit rücksichtslosen TukTuks und scheinbar gleichgültigen Fußgängern machen mich langsam aber sicher mürbe. Indem ich immer wieder auf Aussichtspunkte flüchte und mir das Chaos von Oben ansehe halte ich drei ganze Tage durch, dann beschließe ich weiter zu ziehen…

Aussicht von der Dachterrasse meiner Herberge, Nachbarskinder lassen über den Dächern Drachen steigen

Nachbarskinder bitten mich um ein gemeinsames Selfie. Wird mal wieder Zeit für ne Rasur…

Mensch und Tier leben in Jodhpur eng bei einander…
Eines der Tore zur Innenstadt sowie zum Marktplatz
Der sog. „clock tower“, das Wahrzeichen des Stadt Zentrums

„Toorji’s Stufenbrunnen“, erbaut 1740 und ursprünglich zur Trinkwasserversorgung genutzt, ist über die Jahrhunderte mit Dreck und Abwässern voll gelaufen (Was sonst…). Erst vor wenigen Jahren wurde er im Rahmen einer Restaurierung gereinigt und in seinen ursprünglichen Zustand zurück versetzt, dabei fand man unzähliges  altertümliches Kunsthandwerk, sowie Schätze aus Sandstein und anderen Materialien. Damals wurde das Wasser mit Hilfe eines persischen Wasserrades durch Ochsen in Bewegung gesetzt und anschließend über zwei Plattformen zu Wassertanks befördert. Heute springen Kinder von den Stufen ins Wasser und lassen sich von Touristen dabei filmen. Obwohl mir bei der Hitze nach einem Bad wäre bleibe ich zur Abwechslung mal vernünftig.
Das „Mehrangarh Fort“, 1459 von Rao Jodha (dem Namensgeber der Stadt) erbaut und eine der Hauptattraktionen Jodhpurs. Dahinter die blau bemalten Häuser der Stadt.

EIne Nahaufnahme während der Besichtig

Altertümliche Schwerter – Damals gab es zwar schon Schießpulver, jedoch wurde es als unehrenhaft angesehen den Gegner aus der Ferne zu töten. Nach dem sich feindliche Truppen diese Schwäche zu Nutze machten, mussten die Krieger einsehen dass dem Feind der ehrenvolle Nahkampf wenig bedeutete und so rüstete man zwangsläufig um.
eines der prunkvollen Gemächer des Mehrangarh Forts, das Erbes des Marwar-Jodhpur Imperiums

Eine Opiumpfeife und sein Kosument, ein zentraler Bestandteil der damaligen (und auch noch heutigen) Zeit

Pune

knapp 5 Zug Stunden östlich von Mumbai, dem Slumdog Milionär Moloch, fährt man wie durch eine andere Welt mit atemberaubender Aussicht auf riesige Wasserfälle und jeder Menge Natur, weit und breit keine Nebenprodukte der Zivilisation (falls man die hiesige wirklich so nennen mag…) zu sehen. Die Umgebung rund um Pune könnte einen fast glauben lassen man befände sich in einem anderen Land, bis einen die Realität kurz vor dem Zielbahnhof wieder einholt. Dort gehts über eine Zugbrücke, unter der ein Fluss (oder ein Abwasserkanal?) mit Schaum und anderen Abfällen hindurch fließt, mitten durch die Stadt. Warum sich also Illusionen machen, es war ein angenehmes Erlebnis, ein Hauch von übrig gebliebener Umwelt, die der Mensch (noch) nicht zerstört hat. Ich versuche mir wieder einzureden das es auch anders sein könnte, wenn Korruption nicht so sehr in der Gesellschaft verwurzelt wäre. Kaum ein Inder wird das bestreiten, auch wenn es nur ein schwacher Trost ist. Beim Anblick der übrig gebliebenen Natur und dem gleichgültigen Verhalten der Mitmenschen frage ich mich oft wie viele der im Ozean schwimmenden Plastikstrudel wohl aufs Konto dieses einen Landes gehen… Ich bin hier zwar nur auf einen Zwischenstopp zur Fahrradreparatur vorbei gekommen, aber solche und ähnliche Fragen beschäftigen mich immer wieder. Es ist kaum zu fassen mit welcher Natürlichkeit hier verpestet und verschmutzt wird, aber wenn man bedenkt dass jeder 6. Mensch auf dem Planeten Inder ist, es an Infrastruktur nur so mangelt, unzählige Menschen keinen Zugang zu Bildung, sauberem Trinkwasser, geschweige denn Toiletten haben, die Geburt eines Mädchens als Enttäuschung angesehen wird, das Kastendenken immer noch weit verbreitet ist und Familien mit zig Kindern normal zu sein scheinen, dann wird einem klar, dass man hier nicht mit europäischen Maßstäben messen kann, bzw. über die hiesigen Zustände überhaupt urteilen darf…

Zurück zum Bahnhof. Der Weg ins Panda Backpacker Hostel ist in Reichweite gewählt, nur wenige km von der Station aus, trotzdem des üblichen Höllenritt durch den undurchdringlichen Verkehr. Die Luft ist, wie sollte es auch anders sein, zum Schneiden. Ich hatte wohl das Glück in die Rush-hour zu geraten. Das Hostel liegt überraschender Weise in einer sehr schönen Gegend, dem sog. Koregaon Park, in der wie ich später erfahre, auch Osho in den 80ern seinen Ashram gründete (ja, der Bahgwan-Guru mit seinen unszähligen Rolls-Royces). Wegen des damals hohen und auch heute noch andauernden Andrangs an Sannyasins (in Entsagung lebender Antimaterialisten, größtenteils westlicher Herkunft), hat sich in Pune eine Art Zweitgesellschaft gebildet und auch viele wohlhabende Inder und internationale Firmen angezogen. Der Zusammenhang leuchtet mir zwar nicht ganz ein, aber möglicher Weise haben die damaligen Immigranten den Ort entweder nicht vollkommen vermüllt, oder durch andere Qualitäten für internationalen Andrang gesorgt. Ob das wirklich so war ist natürlich nur eine Vermutung, aber wenn man sich das europäisch geprägte Goa ansieht, vielleicht gar nicht so weit her geholt. Laut den Einheimischen hat jedenfalls Osho mit seinen damals liberalen Ansichten wesentlich zur Attraktion der Stadt beigetragen. Heute stehen rund um den Koreagon Park Hütten wie man sie nicht mal am Alpenrand, oder in einer Nobelgegend vermuten würde. Auf Entdeckungstour durch die Nachbarschaft staune ich beim Anblick der Paläste und zücke meine Kamera, sofort ist Sicherheitspersonal zur Stelle um mich davon abzuhalten zu knipsen. Ein Blick auf google maps ergibt leider nur einen leeren Fleck an der genannten Stelle, da hat jemand Energie aufgewendet nicht aufzufallen. Es heißt in diesem Bezirk würden die reichsten Menschen des Landes wohnen und selbst The Donald hätte hier schon mehrmals aus Investitionsgründen vorbei geschaut…

Nach mehrtägiger Reparatur ist nun jedenfalls auch mein Rad wieder startklar, die Reisekasse um ein weiteres Loch gewachsen und ich selbst um einige Bekanntschaften reicher. Die Gäste des Panda Backpacker Pune haben sich als interessante Mischung aus Mumbai-Wochendflüchtlingen, Tech-startups auf Präsentationsreise, Freelancern, die den internationalen Kontakt suchen und Europäern auf Geschäfts- oder Weltreise erwiesen. Der Abschied fällt schwer, denn selten habe ich in so kurzer Zeit so viele gute Bekanntschaften geschlossen wie hier, das muss wohl an den Osho-vibes zwei Straßen weiter liegen 😉

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Steppi auf Narkose, kurz vor der großen OP

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Rund um den Koregaon Park hängen Lianen artigen Äste von den Bäumen, man kommt sich buchstäblich vor wie im Großstadt-Dschungel

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so gehört sichs: make love not war!  😉

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sogar die Raben fallen hier von den Bäumen… an der Hauptstraße scheint die Luft noch schlechter zu sein als erwartet.

Mumbai

  • Für die knapp 1000 km von Kozhikode nach Mumbai hat der Zug fast 24 Stunden gebraucht, auch das ein- und auschecken mit dem Rad im Gepäckwagon hat erstaunlich gut geklappt (von der üblichen Bürokratie mal abgesehen). Um mein Gepäck am Ziel Bahnhof zwischenlagern zu dürfen (mach ich immer an großen Bahnhöfen) bin ich an die Polizei im Eingangsbereich verwiesen worden, welche die Taschen durchleuchten und anschließend mit einem Siegel bestätigen sollte. In der Bahnhofshalle saß ein gelangweilter Beamter neben einer eingestaubten Gepäck-Scan Maschine. Ohne mit der Wimper zu zucken hat er mir je einen Aufkleber („Siegel“) auf meine Gepäckträgertaschen geklebt und mir anschließend mit einer Handbewegung zu verstehen gegeben ich solle verschwinden. Auf meine Frage hin ob er die Taschen denn nicht vielleicht doch scannen möchte kam er keine Reaktion. Auch die vertrockneten Aufkleber begannen sich bereits Sekunden später zu lösen. Na gut, also auf die indische Art, Hauptsache wieder ein paar Papiere zwecks Dokumentation ausgefüllt, bravo! Zurück zur Gepäckaufbewahrung, mich zwecks möglicher Nahrungsmittel in dem Taschen belehren lassen, „es gäbe hier überall Ratten und wenn die was essbares in den Taschen riechen würden die alles zerfetzen“. Ok, Trockenfrüchte also entfernt und endlich aufgesattelt. Es war zum Glück nur ein Katzensprung über den Highway ins Bombay Backpackers. Der Verkehr war wie nicht anders zu erwarten, verrückt. Dank blinkendem front-LED im Paranoia Modus konnte ich mir auch in der Dunkelheit unversehrt den Weg zum Gästehaus bahnen. Um das Schicksal nicht all zu sehr auf die Probe zu stellen bin ich die beiden anderen Tage auf sightseeing und Brillen Shopping dann aber doch per Uber-Taxi unterwegs gewesen, was mich auch vor den üblichen Randerscheinungen wie Regen, Smog, Lärm und Kadavern verschont hat. In Mumbai sieht der Himmel übrigens durchwegs grau aus, von daher hat sich ist auch ein frühes Aufstehen zwecks gutem Licht für ordentliche ein paar schöne Fotos nicht wirklich gelohnt. Bei jedem Spaziergang über die Halbinsel begegne ich Ratten, Schaben und in ganz besonderem Ausmaß, menschlichem Elend. Auch der Unterschied zwischen Arm und Reich war mir bisher nie heftiger aufgefallen als in dieser Stadt. Es ist mir ein Rätsel wie man sich freiwillig einen solchen Ort zum Leben aussuchen kann, bzw. nicht schleunigst die Beine in die Hand nimmt (sofern man noch welche hat) und sich vom Acker macht. Ist es der grundsätzliche Mangel an Bewusstsein für Hygiene, guter (bzw. überhaupt) Luft und respektvollem Umgang mit der Umwelt? Perspektivlosigkeit vielleicht? Kastenwesen? Es ist mir unerklärlich. Man könnte meinen die Mehrheit der Inder befindet sich auf einem Egotrip, egal ob im Verkehr, oder im persönlichen Umgang miteinander. Jeder scheint sich hier selbst der Nächste zu sein und mittlerweile ist auch mein Mitgefühl für dieses einst sicher weise, von kulturell reiche Volk (wenn man sich erst mal durch eine Schicht aus Dreck gewühlt hat) auf ein Minimum gesunken. Ich bin über mich selbst erstaunt und merke dass mir nicht nur Orte wie dieser, sondern dieses Land im allgemeinen ganz schön zusetzt. Zum Glück hab ich bereits bei Ankunft mein nächstes Ticket nach Pune organisiert, dort solls angeblich angenehmer sein und auch die meisten Fahrrad Läden mit guter Auswahl an Ersatzteilen geben. Ich bin mal gespannt…